Neigungsdifferenzierung 5./6. Klasse

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 3. September 2002
"Finnische Verhältnisse"
Bildungsminister Reiche zu Westerwelle-Vorschlag: Brandenburger Lehrer brauchen PISA-Test nicht zu fürchten


David und Arthur staunen nicht schlecht. Da haben die beiden Schüler der "Bruno-H.-Bürgel"-Grundschule Steffen Reiche (SPD) gerade ein Experiment zur Wirkung von Wärme und Kälte vorgeführt, da schnappt sich der Bildungsminister ein Stück Kreide und skizziert eine Molekülstruktur an die Tafel. "Ist es warm, laufen die Moleküle alle hin und her, das ist wie bei euch auf dem Schulhof während der Sommermonate. Dadurch dehnt sich der Gegenstand aus. Wird es kalt, kuscheln sie sich aneinander und der Gegenstand zieht sich zusammen - so einfach."
 
Zeit für Experimente haben, das war für die Lehrer bisher nicht immer eine Selbstverständlichkeit. "Differenzierungsunterricht" lautet die Neuerung, die im Rahmen der Bildungsoffensive seit diesem Schuljahr nicht nur den fünften, sondern auch den sechsten Klassen kleinere Lerngruppen mit bis zu zehn Kindern und damit den Lehrern mehr Zeit für die individuelle Förderung beschert. Zum einen erfolgt eine "Leistungsdifferenzierung" in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und der 1. Fremdsprache. Das heißt, dass leistungsstärkere Schüler vor größere Herausforderungen gestellt werden und "Nachzügler" intensiver betreut werden können. Dennoch bleibt der ursprüngliche Klassenverband erhalten. Auf der anderen Seite werden neigungsspezifische Kurse klassenübergreifend gebildet, die die Schüler je nach Interessen auf weiterführenden Schulen vorbereiten sollen.
 
So bietet die Bürgel-Schule für ihre 60 SchülerInnen der sechsten Klasse sechs Lerngruppen in den Fächern Biologie, Geographie, Physik, Informatik, Technik und Politische Bildung an. "Diese Stunden gehören für die Schüler zu den schönsten der ganzen Woche", zeigt sich Schulleiterin Monika Riccius vom Konzept überzeugt. Man könne Dinge verwirklichen, die in einem Klassenverband mit zwanzig oder mehr Schülern einfach nicht machbar seien. In der Regel vier bis fünf zusätzliche Stunden würden die Kinder nun in der Woche unterrichtet. Dafür seien vom Bildungsministerium rund 32 Millionen Euro pro Jahr zur Verfügung gestellt und 500 neue Lehrerstellen eingerichtet worden, so Minister Reiche. Brandenburg sei, was die Unterrichtsvolumen für Grundschüler angehe, mittlerweile in der bundesdeutschen Spitzengruppe angelangt. "30 Wochenstunden in der sechsten Klasse - das sind geradezu finnische Verhältnisse", freute sich Reiche.
 
Zudem lobte Reiche die Integrationskompetenz der Bürgel-Schule. Mitten in der Babelsberger City gelegen treffen hier SchülerInnen aus wohlhabenden und ärmeren Familien aufeinander. "Mal abgesehen von der Kleidung lassen sich aber keine Unterschiede feststellen", stellte Reiche in Bezug auf den Umgang der Kinder miteinander fest. Dazu trage auch der Differenzierungsunterricht bei, so Monika Riccius. Wer zu Hause keinen PC habe, könne eben in der Schule die Grundfunktionen erlernen. Weiteren Einfluss auf das Schulklima habe das Mediatoren-Programm. Mediation bedeutet gewaltfreies Lösen von Konflikten. Das Besondere: Als Streitschlichter treten ausgebildete Schüler ganz ohne Zutun der Lehrer auf.
 
Zur Forderung von FDP-Chef Guido Westerwelle nach Pisa-Tests für Lehrer meinte Reiche: "Von mir aus gerne. Brandenburger Lehrer brauchen sich vor einem Vergleich nicht zu fürchten."

F. Wadewitz